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Debattenbeitrag

Offene Bildung für eine offene Gesellschaft

Organisationen wie die UNESCO, die OECD und zahlreiche Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt haben mittlerweile erkannt, welche Chancen der offene Zugang zu digitalen Bildungsmaterialien im Internet bedeutet.

Bei offenen Lehr- und Lernunterlagen (Open Educational Ressources, OER) geht es nicht nur um das bloße Digitalisieren von Schulbüchern. Die Vision ist vielmehr ein offener, freier und gleicher Zugang zu Bildungsmaterialien, damit Lehrende und Lernende diese nutzen, übersetzen, anpassen, rekombinieren und mit anderen teilen können. Die Voraussetzung dafür ist allerdings die Nutzung von offenen Lizenzen wie zum Beispiel Creative Commons.[1]

These

Nur mit offenen Lizenzen lassen sich die Potentiale digitaler Technologien für bessere Bildung wirklich ausschöpfen. 

Lehrende an Schulen und Universitäten verbringen schon heute einen großen Teil ihrer Arbeitszeit damit, Arbeitsblätter zu gestalten, Foliensätze zusammenzustellen und interaktive Übungen zu konzipieren. Häufig kombinieren sie dabei Material aus verschiedenen Quellen miteinander. Internet und digitale Technologien machen diese Tätigkeiten einfacher als je zuvor. Viele Lerninhalte sind bereits digital verfügbar. Und auch wenn „Copy&Paste“ als Kulturtechnik durch Plagiate in Verruf geraten ist, hilft es dabei Unterricht kreativer, interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten.

Technisch wäre es jetzt ein leichtes, solche ohnehin erarbeiteten Lernunterlagen im Internet zugänglich zu machen – um Doppelarbeit zu vermeiden und die Qualität von Schule und Universität insgesamt zu verbessern. Diesem freien Austausch von Bildungsmaterialien steht jedoch in den meisten Fällen das Urheberrecht entgegen. Solange es kaum offen lizenzierte Lernmittel gibt, die zu kreativer Rekombination und freiem Austausch einladen, unterbleibt vieles was technisch möglich wäre aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen.

An diesem Punkt setzt Open Education – offene Bildung – an. Mit Hilfe offener Urheberrechtslizenzen lässt sich die Idee des „Rip, Mix & Share“ im Bildungsbereich umsetzen: Lernunterlagen selektiv nutzen, rekombinieren und mit anderen teilen. Auf diese Weise knüpfen OER auch an die älteste Bildungspraktik schlechthin an: Weitergabe von Wissen zwischen Lehrenden und Lernenden. Was immer schon in jeder Schule und jeder Universität an der Tagesordnung stand und bis heute steht – der Austausch von Lernmaterialien unter Kolleginnen und Kollegen – wird durch OER auch über die Grenzen der Bildungseinrichtungen und europäischen Länder hinweg möglich.

Und dieser in doppeltem Sinne grenzüberschreitende Charakter von OER macht offene Bildung auch zu einem europäischen Thema, einer europäischen Aufgabe. Im Bereich des wissenschaftlichen Wissens hat die Europäische Union mit dem dem Forschungsförderungsprogramm Horizont 2020[2] bereits sichergestellt, dass öffentlich finanzierte Forschung auch öffentlich zugänglich ist. Wer EU-Forschungsgelder bekommt, muss seine Ergebnisse offen – Open Access – im Internet zugänglich machen. Dieses Prinzip gilt es jetzt auch für Lehr- und Lernunterlagen umzusetzen.

Das Ende letzten Jahres präsentierte Portal „Open Education Europa“[3] ist dafür bereits ein Anfang. Gleichzeitig braucht es noch viel mehr, damit OER wirklich im europäischen Bildungsalltag ankommt. Zum Beispiel über einen europäischen Lernmittelfond, der Anschubfinanzierung für vielversprechende und mehrsprachige OER-Projekte ermöglicht und Wettbewerbe für OER in verschiedenen Disziplinen mit Preisgeldern attraktiv macht. Oder über Forschung und Pilotprojekte zur Frage, wie Lehrende bei der Erstellung und Nutzung von OER besser unterstützt werden können.

Im besten Fall würden diese Initiativen nicht nur zu digital-offener Bildung sondern zu einem höheren Stellenwert von Lehre ganz allgemein beitragen – und so letztlich auch die Bildungsqualität verbessern helfen.

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