Presseschau zum TV-Duell: „Ziemlich beste Freunde“

Am gestrigen 8. Mai fand zum ersten Mal ein Fernsehduell zwischen den beiden Spitzenkandidaten der Europawahl Jean-Claude Juncker und Martin Schulz statt. Große deutsche Medien schreiben den Kandidaten Einigkeit während des Duells zu, während die Bedeutung der besprochenen Themen höchst unterschiedlich bewertet wird.

„Mann gegen Mann um die Spitze Europas“, so steigt die sueddeutsche.de in die Berichterstattung über das gestrige TV-Duell der beiden Europawahl-Spitzenkandidaten ein. Trotz Einigkeit bei vielen Themen, suchten beide den Konflikt: „Und doch kracht es“, auch wegen der Moderatoren schreibt sueddeutsche.de. Das TV-Duell sei eine wichtige Chance für die „medial stets unterbelichtete Europapolitik“.

Ob diese Chance bislang tatsächlich ergriffen wurde, bleibt fraglich. So titelt EurActiv.de: „Deutsches Desinteresse: Europawahlkampf braucht einen ,Veggie-Day‘“. Vier Wochen nach der Europawahl sei vielen Deutschen der Urnengang gleichgültig. Das Portal zur Europapolitik macht dies am aktuellen Politbarometer fest, der besagt, zwei Drittel zeigen kaum oder wenig Interesse an der Europawahl. Im Interview mit Michael Kaeding, Professor für Europäische Integration und Europapolitik an der Universität Duisburg-Essen, sucht EurActiv.de nach Ursachen. Das liege nicht nur an den Politikern, sondern u.a. am politischen System der EU selbst. Steht sich die EU auf dem Weg zu mehr Interesse und Teilhabe der eigenen Bevölkerung am Ende selbst im Weg? Mögliche Antworten gibt es hier.

ZEIT ONLINE titelt „TV-Duett statt TV-Duell“ und äußert gleich zu Beginn des Beitrags starke Kritik an den Kandidaten und der Moderation: Die Kandidaten redeten aneinander vorbei. Die Moderation diskutiere am liebsten über Maßgurken und Chlorhühner. Die meiste Zeit des Duells sei deprimierend gewesen. Die Begründung: Die Kandidaten seien sehr oft einer Meinung gewesen, obwohl sie doch Gegner sein sollten. ZEIT ONLINE verleiht der Beziehung der beiden die Beschreibung: „Ziemlich beste Freunde“. So ein Europawahl-TV-Duell sei eben kein Kanzler-Duell und daher hätten Format und Inhalt nicht so recht zusammen gefunden.

Eine andere Meinung vertritt FAZ.net: „So war es eine ehrliche Sendung, die den Zuschauer nicht unterforderte, sondern viele weitere Fragen aufwarf.“ Schulz und Juncker hätten demonstriert, warum es auf Brüssel ankomme. Die Schonfrist der deutschen Bürger, sich nicht mit komplizierten EU-Themen auseinandersetzen zu müssen, sei vorbei. Einige Auskünfte bezeichnete das Medium gar als „verblüffend“. Beide Kandidaten hätten die wirklich dramatischen Themen wie das Flüchtlingselend, die Jugendarbeitslosigkeit und die Steuervermeidung der Großkonzerne mit Taktgefühl und Gemeinsinn behandelt. Das Fernsehduell habe gezeigt, welches Glück es sei, bei dieser Europawahl wählen zu können. Die Wahlbeteiligung am 25. Mai wird zeigen, wie viele Deutsche und Europäer dies genauso sehen.

Weitere Informationen zur Europawahl

Wer sich intensiver mit den politischen Positionen der europäischen Parteien auseinandersetzen möchte, kann dies mithilfe des aktuellen Parteienmonitors der KAS tun. Die Positionen der deutschen Parteien zur Europawahl finden sich hier. Daneben hat die KAS eine Studie zu den Wählern der Bundesrepublik und der Europapolitik Deutschlands im Jahr 2014 veröffentlicht. Zum Aufstieg Rechts- und Nationalpopulistischer Parteien in Europa steht die Studie Europa – Nein danke? zur Verfügung.

 

Bild unter CC von Björn Seibert auf Flickr

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