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Korrespondentenbeitrag

„Zusammenreißen und anpacken“

“Lucyna Lewicka putzte, kellnerte, lernte Englisch. Heute hat sie ihren eigenen Delikatessenladen. Seit sieben Jahren wohnt die Polin in Edinburgh – doch mit Vorurteilen kämpft sie erst seit Kurzem.” Ein Beitrag unserer Europa-Korrespondentin Martha Dudzinski.

“Natürlich war ich erst mal Putzfrau!” Lucyna Lewicka steht in ihrem Laden, einen von rund zehn polnischen Delikatessengeschäften in der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Säfte, Backmischungen und Schokoriegel stapeln sich in den Regalen, auch eine kleine Fleischtheke hat sie. Vor anderthalb Jahren hat Lucyna ihr Geschäft eröffnet. Doch sie schämt sich nicht, über ihre Anfänge in Schottland zu sprechen:  „Viele behaupten, direkt als Bürokräfte gearbeitet zu haben. Aber wozu soll man sich etwas vormachen?“

Die 40-Jährige kommt aus dem Dorf Kruszwica, 120 km nordwestlich von Poznań (Posen). „Ich weiß, wie es ist, bei null anzufangen – nach meiner Scheidung musste ich bei meinen Eltern einziehen.“ 2007 wollte sie eigentlich nur für ein Jahr in Schottland arbeiten, um die Hausrenovierung zu finanzieren. Doch drei Monate später erkrankte der Vater an Krebs, starb kurz darauf. Einige Zeit später erlitt ihre Mutter ihren ersten Schlaganfall. Auch sie ist inzwischen verstorben.

Lucyna arbeitete weiter in Schottland, um Ärzte und Medikamente zu finanzieren. Sie putzte in Hotels, kellnerte, saß an der Kasse, sammelte Erfahrungen in einem polnischen Laden: „Man weiß, dass man durch harte Arbeit hier in Großbritannien seinen Lebensstandard verbessern kann – und den seiner Familie.“ Sie unterhält ihren Sohn, der in Bydgoszcz (Bromberg) studiert. Inzwischen ist sie auch neu verliebt – ihr Verlobter Kenneth Cambpel und seine Mutter sind am Geschäft beteiligt.

Doch hierher war es ein langer Weg  – als Lucyna nach Edinburgh kam, musste sie erst einmal Englisch lernen. Auch das sieht sie pragmatisch: „Wenn man die Sprache nicht kennt, dann muss man sich eben zusammenreißen und anpacken“. Sie schwärmt von den Schotten und wie gut sie die Polen behandeln. Rund die Hälfte ihrer Kundschaft sind Polen, der Rest Einheimische oder internationale Studenten. Sieben Jahre lang fühlte sie sich nie schlecht oder unwillkommen. Dann, kurz vor Weihnachten, kam ein gut gekleideter Mann im Anzug in ihren Laden und fragte, woher sie kam. Als sie wahrheitsgemäß antwortete, rief er „Fuck off!“ [„Verpiss dich!“] Er roch nach Alkohol.

Martha Dudzinski

Martha Dudzinski

Martha Dudzinski studiert z.Z. an der Universität der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Dort macht sie ihren Master in Internationaler und Europäischer Politik. Zuvor hat sie an der LMU München einen Bachelor in Politikwissenschaft  absolviert.

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Etwas hat sich verändert, seit der britische Premier David Cameron Einwanderern im November Sozialtourismus vorwarf. Lucyna hört ihre polnischen Kunden sagen, dass sie Angst davor haben, auf der Straße angegriffen zu werden. Die Stimmung gegen Polen verschärfte der Premier Anfang Januar, als er meinte, dass Großbritannien nicht für zuhause gebliebene Kinder in Polen zahlen sollte. Nun wird Lucyna gefragt, ob sie staatliche Leistung bezieht. „Ich zahle Steuern und arbeite hart. Ich habe nie Geld vom Staat erhalten, auch kein Kindergeld. Als ich herkam, wusste ich nicht einmal, dass es so etwas gibt.“

Sie weiß, dass es unter den Einwanderern auch schwarze Schafe gibt. „Aber alle in einen Sack werfen?“ Lucyna ist enttäuscht, dass ihren Landsleuten neuerdings Faulheit vorgeworfen wird, nachdem sie jahrelang geschätzte Neuankömmlinge waren: „Machen wir uns nichts vor: Polen sind es gewohnt, für wenig Geld hart zu arbeiten.“ Das ist auch der Grund, wieso sie nicht zurück will: „In Polen könnte ich kein gutes Leben führen. Auch wenn man sechs Tage die Woche schuftet, weiß man am Ende nicht, wie man seine Rechnungen bezahlen soll.“ Lucyna sagt es direkt: Sie will den Lebensstandard nicht aufgeben, den sie sich in Edinburgh erarbeitet hat. Sie hat sich an ein besseres Leben gewöhnt. Und zwar ganz ohne Sozialtourismus.

 

Foto: flickr / Leo Reynolds / CC BY-NC-SA 2.0

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